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„Wir sind in der Krise wieder etwas gewachsen“: Interview mit Markus Scherbaum, sportlichem Leiter der JANO Filder

jano-filder.de: Schere, die Corona-Pandemie hat alle Vereine massiv ausgebremst. Wie ist die JANO durch die Zeit des Lockdowns gekommen?

Markus Scherbaum: Wenn ich jetzt sagen würde, dass es gut lief, würde das der Situation sicher nicht gerecht werden. Wie allen Vereinen hat uns die Krise bereits heute stark zugesetzt – und wir sind ja noch lange nicht durch. Allerdings muss ich sagen, dass wir als JANO Filder nach zwei Jahren natürlich schon bemerkenswert gut aufgestellt waren, so dass wir wahrscheinlich viel weniger Schwierigkeiten hatten als andere. Und wie so viele Krisen bietet auch diese an der einen oder anderen Stelle auch Chancen.

Jf.de: Zum Beispiel?

Scherbaum: Wir haben uns in den ersten beiden Jahren der JANO sehr stark auf die Entwicklung einer einheitlichen handballerischen Linie und der Verbesserung der Trainingsqualität gewidmet. Auf den athletischen und gesundheitlichen Bereich hatten wir am Anfang bewusst nicht den ganz großen Wert gelegt. Das hat sich natürlich seit März durch die Gegebenheiten massiv geändert. Lange Zeit konnte man nur individuell und vorwiegend zuhause trainieren, so dass wir uns viel stärker diesem Bereich gewidmet haben. Nachdem nun auch das Training bei unseren Partnern Trick Squash & Fitness und vitaktiv Nellingen wieder möglich ist, kommen wir da konzeptionell nun von einem ganz anderen Level. Auch im Bereich des Remote-Trainings und bei der Kommunikation mit den Spielern und Eltern mussten wir neue Wege finden, die uns auch in Zukunft helfen werden, Dinge besser und effizienter zu machen. Wir sind als JANO in der Krise sicher an vielen Stellen wieder etwas gewachsen.

Jf.de: Der Trainingsbereich auf der Homepage ist sicher so ein Beispiel.

Scherbaum: Genau! Das war eine Initiative von Jan Pabst, der parallel etwas Ähnliches für die Mädels der SG BBM Bietigheim gemacht hat, und Familie Wichary, die fleißig Videos gedreht haben. Und dann haben wir mit Markus Ryssel halt einen Experten im Hauptausschuss, der das in kürzester Zeit auch auf der Homepage umgesetzt bekommt. Man muss ja klar sagen, dass das echt richtig Arbeit ist – sowohl das Filmen, also auch das Aufbereiten und das Einrichten der Seiten. Das war ein sensationelles Projekt, das sich aber gelohnt hat. Wir hatten bei den Videos viele tausend Aufrufe, und ich bin mir sicher, dass das auch außerhalb der JANO registriert wurde.

Jf.de: Du selbst hast in dieser Zeit ja sogar mit Deinem Sohn Nick einen YouTube-Kanal gestartet. Wie kam es dazu?

Scherbaum: Das war am Anfang eigentlich viel kleiner geplant. Nick ist in diesem Jahr mit Claudi und mir als Trainer der F-Jugend eingestiegen und kam irgendwann mit der Idee, dass wir für die Jungs was machen müssen, damit die das Handballspielen nicht vergessen. Wir haben dann erstmal ein kleines Begrüßungsvideo gedreht, und weil Nick das so Spaß gemacht hat, wollten wir ein paar Übungen aufnehmen und in die Gruppe stellen. Das wurde dann immer mehr, und ich wollte es den anderen F-Jugenden auch irgendwie zur Verfügung stellen. So kamen wir auf YouTube. Dann kamen ein paar persönliche Anfragen, ob sie das auch nutzen könnten – und so wurden wir zu Youtubern (lacht).

Jf.de: So konnten die Kleinsten dann zumindest schon mal ein wenig mit dem Ball starten. Wie habt Ihr das mit den älteren Mannschaften gemacht?

Scherbaum: Da haben wir fleißig experimentiert (lacht). Wir hatten da ja noch keine Erfahrung, und deshalb haben wir die Trainer ermutigt, verschiedene Dinge auszuprobieren. Maggi, Marco und Jan haben bei der U17 viel über Instagram gemacht. Da wurden die Spieler täglich mit Trainingsplänen versorgt. Bei der U19 ging das natürlich schon mit mehr Eigenverantwortung – zumal viele der Jungs ja eh in der Abi-Vorbereitung gesteckt haben. Wir bei der U15 und U14 haben das versucht, über WhatsApp zu organisieren. Damit man bei Organisation, Trainingsplänen, Leistungstests, Videos etc. einigermaßen den Überblick behält, haben wir da eine Vielzahl an Gruppen erstellt. Das funktioniert heute noch ganz gut. Und dann hat die U17 schon sehr früh angefangen, mehrmals pro Woche Live-Trainings über Videocalls zu machen. Da war ich echt beeindruckt, wie gut das funktioniert hat. Wir haben das dann schnell übernommen und in mehreren Teams angeboten.

Jf.de: Das hört sich nicht wirklich nach „Lockdown“ an…

Scherbaum: So hat es sich auch nicht angefühlt. Im Gegenteil: Ich bin mir sicher, dass die meisten Trainer viel mehr investiert haben als vorher. Das war schon extrem beeindruckend, welches Engagement überall zu spüren war. Man muss sich ja auch immer wieder vor Augen führen, dass sich die Situation ja auch immer wieder verändert hat. Als es wieder erlaubt war, zumindest in kleinen Gruppen zu trainieren, haben wir ständig die Trainingspläne angepasst. Da hat dann vor allem Andi Wortmann einen unfassbaren Job gemacht, der mit der Stadt und dem TB Ruit sofort Trainingsmöglichkeiten auf dem Sportgelände organisiert und ein Hygienekonzept erstellt hat. Am ersten Trainingstag standen sogar schon Handballtore. Und ab da durfte man sich ja im Zwei-Wochen-Takt auf neue Rahmenbedingungen einstellen.

Jf.de: Aber jetzt seid Ihr wieder im „Normalbetrieb“?

Scherbaum: Noch nicht wirklich – aber es fühlt sich natürlich fast so an. Aber gerade was die Hallenzeiten angeht müssen wir natürlich immer noch mit Einschränkungen wegen Pausen und dem Mischen von Trainingsgruppen zurechtkommen. Wenn wir vor der Pandemie zeitweise mehr als 50 Spieler gleichzeitig in der Halle hatten, müssen wir da jetzt eben immer noch Dinge in den individuellen Bereich auslagern. Unsere inzwischen bewährten FITT-Trainings (FITT: Filderfalken Individuelle Technik und Taktik, Anm. d. Red.) können wir im Moment natürlich auch noch nicht wie gewohnt durchführen. Also müssen die Inhalte eben in der bestehenden Trainingsgruppe abgedeckt werden. Aber im Grunde genommen sind wir natürlich alle extrem zufrieden, dass wir wieder echten Handball trainieren können.

Jf.de: Wie geht es jetzt weiter? Die Saison soll ja erst im Oktober starten. 

Scherbaum: Da muss man natürlich erstmal abwarten, wie sich die Lage bis dahin entwickelt. Ich denke aber, dass alle diese Zeit noch gut gebrauchen können, um sich darauf vorzubereiten. Gerade bei den Spielen wird der Ablauf ja extrem kompliziert. Wir hoffen einfach, dass sich das Infektionsgeschehen bis dahin nicht deutlich verschlimmert. Da müssen wir eben jetzt alle dazu beitragen und außerhalb des Trainings möglichst diszipliniert sein.
Im Grunde genommen ist das im Moment aber auch nebensächlich. Es ist ja nicht so, dass es nur um die Saison geht. Wir wollen in erster Linie unsere Spieler entwickeln und ihnen möglichst viel Rückenwind für ihre handballerische Karriere mitgeben. Im Sommer finden zum Beispiel die Talentzentrallehrgänge des HVW für den Jahrgang 2007 statt. Dort haben wir als JANO sieben Spieler dabei. Das ist mehr als jeder andere Verein. Die Jungs wollen wir da natürlich möglichst gut vorbereitet hinschicken und hoffen, dass wir da auch wieder den einen oder anderen Auswahlspieler bekommen. 

Jf.de: So wie Marvin Siemer, der ja zum DHB-Lehrgang eingeladen wurde und gerade zu den Füchsen Berlin gewechselt ist? (wir haben berichtet)

Scherbaum: Da hätte ich nichts dagegen. Die Füchse sind aktuell das Nonplusultra in der Talentförderung. Wenn ein Spieler bei uns das Level erreicht, wo er diese Chance bekommt, dann soll er die gerne nutzen. Da freue ich mich selbst am meisten darüber. Inzwischen sehe ich uns selbst aber so weit, dass es eben nur noch sehr wenige Talentschmieden gibt, für die sich das lohnt. Allerdings ist es für unsere 2007er bis dahin noch ein weiter Weg – und am Ende gehört immer auch etwas Glück dazu.

Jf.de: Anderes Thema: Seit 1.7. sind ja wieder Wettkämpfe möglich. Konnten die Mannschaften vor den Ferien noch ein paar Spiele machen?

Scherbaum: Richtige Freundschaftsspiele waren leider trotz der Corona-Verordnung aufgrund eines „Genehmigungs-Deadlocks“ von Verband und Kommunen im HVW vor den Ferien in Neuhausen und Ostfildern praktisch nicht möglich. Allerdings haben wir im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten schon ein paar gemeinsame Trainingstage mit anderen Teams organisiert, um die Mannschaften fair einteilen zu können. Dabei konnte man natürlich auch mal wieder spielen. Das war für die Jungs schon super.

Jf.de: Du hast die Mannschaftseinteilung angesprochen. Das stelle ich mir lange ohne gemeinsames Training und Spiele nicht ganz leicht vor.

Scherbaum: Bei den älteren Teams ist das nicht so schwierig. Da kennt man die Spieler doch schon recht gut und kann die Leistung einschätzen. Das ändert sich jetzt innerhalb von ein paar Monaten auch nicht komplett. Der interessanteste Aspekt war hier sicher, wie viel Motivation die Jungs für sich alleine mitbringen. Da haben sich einige durchaus hervorgetan.
Anders ist die Situation bei den jüngeren Teams. Da ist die Entwicklung ja noch sehr unterschiedlich. In der D-Jugend kommt dazu, dass ja die Kinder aus den E-Jugenden in Ostfildern und Neuhausen erstmals zusammenkommen. Da haben wir davon profitiert, dass wir über die internen Fördertrainings und unsere Kinderhandballexperten bereits einen guten Überblick hatten. Ich muss sagen, dass unsere erste Einteilung schon nicht so schlecht war. Trotzdem haben sich Markus Wichary, Magnus Gründig und ich dann zwei Wochen lang mal jedes D-Jugend-Training angeschaut, und am Ende nochmal einen internen Trainingstag organisiert, um das auch abzusichern.

Jf.de: Wo spielen denn nun die JANO-Teams in der hoffentlich anstehenden Saison? Ohne Qualifikationsrunde ist eine faire Einteilung ja durchaus kompliziert.

Scherbaum: Das ist richtig. Ohne Qualifikation kann man kaum eine richtig gute Lösung finden. Ich hätte mir zwar eine sportlich fairere Lösung gewünscht als das verwendete Punkteranking, aber da müssen wir jetzt eben das Beste draus machen. Wie vorhin schon gesagt: Ich denke im Moment gibt es Wichtigeres als die Spielklasse. Ich wäre schon mit einer halbwegs durchgespielten Saison zufrieden. Die U19 spielt im nächsten in der neu eingeführten BWOL. Das entspricht der Qualität der Mannschaft, da uns Jonas Jacobs leider in Richtung Bittenfeld verlassen hat, um sich dort die Chance zu erhalten, in der Jugendbundesliga zu spielen. Die U17 und die U15 treten in der Württembergliga an. U18, U16 und U14 spielen jeweils in der höchsten Liga im Bezirk.

Jf.de: Zum Abschluss müssen wir dann natürlich noch die obligatorische Frage nach den Zielen für die kommende Spielzeit stellen.

Scherbaum: Für mich stehen die qualitativen Ziele immer über den Ergebnissen. Für uns ist das absolut Wichtigste, unsere Spieler mit viel Motivation durch diese schwere Zeit zu begleiten und ihnen über den Sport möglichst viel Stabilität zu geben und sie gleichzeitig im Rahmen der aktuellen Möglichkeiten optimal zu entwickeln. Dazu wollen wir natürlich auch als JANO weiter an den Herausforderungen wachsen. Wenn wir das hinbekommen, werden sich die sportlichen Erfolge ebenfalls einstellen, davon bin ich absolut überzeugt. Andersherum gilt das nicht.

Jf.de: Schere, wir danken Dir für das ausführliche Gespräch.

Scherbaum: Gern geschehen – und bleibt alle gesund!